Hochkant – oder die Trägheit der Masse

Das Video-Portal „tiktok“ https://www.tiktok.com/de setzt komplett auf Hochkant-Videos der „aufrechten“ Handy-Generation. Auch das neue, sehr interessante Instagram-Projekt „EVA.STORIES“ nutzt ausschließlich dieses Format.

Die letzte „Revolution“ auf dem Gebiet der Bildformate liegt noch nicht lange zurück und bescherte uns, die wir aus Omas Fernsehkiste das nahezu quadratische kleine Fernsehbild (4:3) gewohnt waren, mit 16:9 einen vergleichsweise weiten und breiten Blick, der dem Panorama des menschlichen Auges gefühlt näher kam.
Vor allem auch, weil die Schirme größer wurden.
Über die extremen Breiten der Todd AO Großbildleinwände im Kino oder über die Techniscope Präsentation (2,32:1), vor der wir Henry Fondas blaue Augen im Finale von „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht ohne Bewegung des Kopfes wahrnehmen konnten, mögen wir hier gar nicht schwärmen.

Damals folgte die Technik vergleichsweise langsam unseren Sehgewohnheiten und erweiterte das optische Angebot.

Die neue kleine Revolution der „Hochkantler“ geht den umgekehrten Weg. Es herrscht da offenbar eine neue Lust auf Begrenzung. Das quergehaltene Smartphone, das breite Display am Laptop, der breite Monitor am PC oder TV zählen da wenig. Produziert wird ausschließlich für den Konsum mit aufrecht gehaltenem Handy.

Natürlich ist die Kunst frei und jedes Format möglich. Aber wir vermuten doch eher die „Trägheit der Masse“ hinter dem Trend: Niemand will mehr das Handy für die Videoaufzeichnung drehen.

Hochkant-Formate in der Kunst



Der phantastische Videokünstler Bill Viola hat in einigen seiner Werke ähnliche Formate, allerdings in überdimensionaler Form, genutzt. Bei ihm assoziieren Sie, wenn Sie vor diesen riesigen Videoprojektionen stehen, Türme, ein riesiges Kreuz – oder, wie im Bild, eine umgekehrte Kreuzigung. Sie denken vielleicht an hohe Säulen und – ja, natürlich – einen Phallus.

Das kleine, sich längs in die Hand schmiegende Handyformat lässt solche Assoziationen vermutlich weniger zu.

Video = Ich sehe

Jedenfalls richtet sich das Format nach dem Handling – nicht nach dem Blick.
Das Video (lateinisch: Ich sehe) richtet sich aber doch eigentlich auf das Auge?!

Immerhin: Im Hochkantformat bleibt auf dem Smartphone vielleicht mehr Platz für den Blick auf die Straße. Und es bleibt abzuwarten, wann die Werbeindustrie den freien Platz rechts und links für sich okkupiert.

StudioSeminar hat eine andere sinnvolle Option für die Hochkant-Variante anzubieten:
Wenn Sie unsere Seminarfilme – zum Beispiel bei den Semmelweis Surgery Grand Rounds – auf einem Smartphone anklicken, können Sie in Hochkant den Kapitelindex durchstöbern und in der Queransicht die Videos sofort ab dieser Stelle ansehen.

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