Zeitgemäß

Bislang war uns das Wort suspekt.
Die meisten Dinge, die nicht mehr zeitgemäß sein sollten und auf die aus Gründen einer zweifelhaften Entwicklung verzichtet werden sollte, waren irgendwie zu wertvoll, als dass sie auf den Müll der Zeitgeschichte gehörten.

Von tausenden Beispielen sei hier nur schnell – denn längere Texte sind nicht zeitgemäß – die Sonntagsruhe erwähnt, oder besser, überhaupt die Ruhe. Zum Beispiel die, in einem Supermarkt nichts anderes zu hören als die Geräusche und Gespräche der Einkaufenden. Was wir stattdessen hören müssen, Musak und Werbung, scheint der Zeit gemäß zu sein.

Welche Instanz ist das überhaupt: Die Zeit? Und warum sollte sie die Macht haben, Neues zu erfinden und Gewohntes zu vertreiben. Meistens vertreiben wir sie doch, mehr oder weniger kreativ: die Zeit.

Aber zeitgemäß scheint im Gegensatz dazu immer das zu sein, was beschleunigt: zumindest den Verkauf.

Jetzt tauchte das Wort für mich erstmals in einer gleichsam umgekehrten entschleunigenden Bedeutung auf: Greta Thunberg startete heute ihren Segelturn zur Uno-Klimakonferenz in New York und benötigt dafür vermutlich 14 Tage. Ein Flugzeug zu besteigen, meinte ein Journalist, sei nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen „nicht mehr zeitgemäß“. Da schau an!

Was die Erderwärmung anrichtet und wie die Menschheit mit diesem Risiko umgeht und umgehen sollte, untersucht ein Projekt fakultätsübergreifender Studien zum Thema „Big Risks“, über das wir derzeit eine kleine Dokumentation produzieren. Wir werden berichten. Zeitnah.

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