“Nicht so zaghaft, Leute!”

Das Verschleifen von Begriffen führt oft zu ihrem wahren Kern.
Wenn deutsche Politiker in den hitzigen Tagen der Regierungsbildung von „Kollision“ nuschelten, wenn sie „Koalition“ meinten, dann ist das so eine im Kern wahre Aussage im Sinne Freuds.

Auch die seltsame aktuelle Karriere der Formulierung „so’zagen“ führt den aufmerksamen Hörer in tiefere, meist unbewusste Schichten der Gefühlslage der Sprechenden.

Das zugrunde liegende Adverb „sozusagen“ kündigt ja eigentlich nur an, dass etwas anders ausgedrückt werden soll. Anders, als vielleicht zu erwarten wäre. Oder anders als die Sprechenden es normalerweise ausdrücken würden. Der Duden bietet hier alternativ das schöne Wort „gleichsam“. Er ergänzt die Bedeutung aber fairerweise um „ungefähr“ und (eleganter) „quasi“.

Wenn ich also sicher bin, dass ich einen bestimmten Sachverhalt oder einen Gedanken nicht genau ausdrücken will oder kann, dann wähle ich eine mehr oder weniger vergleichbare Formulierung. Sie wird also quasi (sic!) in Anführungszeichen gesetzt.
Es handelt sich mithin um eine bewusste Entscheidung.

Allerdings verkommt das Wort „sozusagen“ in seiner verschliffenen Form „sozagen“ derzeit zum Abtönungspartikel.

Ständig weigern sich Menschen, präzise zu formulieren, was sie meinen. Und selbst wenn sie meinen, was sie sagen, wird sicherheitshalber ein „sozagen“ drangeklebt, um zu signalisieren, dass man jedenfalls unschuldig ist, falls irgendwas politisch inkorrekt sein sollte oder irgendwelche Gefühle verletzt werden könnten.

Das ist wie Fahrstuhlmusik. Man hört Watte: Also quasi, irgendwie in die Kladde gesprochen, sozusagen eben halt nichts – außer so … Zagen.

Eine “lässige Steigerung” erfährt der Partikel, wenn er – nahezu an ein Tourette Syndrom erinnernd – in der minimalistischen Variante “sagen” regelmäßig ohne Zögern in den Dia- oder Monolog geschoben wird, wie ich das gerade in einem Radio-Interview gehört habe: “Diese – sagen – Zuspitzung müssen wir nicht – äh – sagen – zulassen.”

Im Coaching vermitteln wir unseren Referenten, dass Zaghaftigkeit nur sehr selten ein probater Weg ist, Inhalte zu vermitteln. Die klare Aussage eines Menschen, der weiß, was er sagt, und dazu auch steht, ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Aufmerksamkeit.

Dabei kann das bewusst gewählte und deutlich gesprochene „sozusagen“ – maßvoll eingesetzt – sogar ein gutes Mittel sein, diese Aufmerksamkeit zu steigern. Denn ich führe den Zuhörenden ja mindestens zwei Möglichkeiten der Formulierung gleichzeitig vor:
Einmal die von mir ausgesprochene und bewusst in „sozusagen-Klammern“ gesetzte Variante. Und parallel provoziere ich ihre Vorstellungskraft, was denn die alternative Formulierung wäre, wenn man es „üblich“ oder „direkt“ oder einfach nur „anders“ sagen würde.

← Zurück zur Übersicht