Sagen Sie jetzt nichts – Über Modalpartikel und wie man sie vermeidet (7)

Eine Einführung zum Abgewöhnen
Teil 7: Beim Denken zuschauen lassen

Ich hatte im letzten Beitrag von einigen wunderbaren Möglichkeiten gesprochen, Abtönungspartikel zu vermeiden. Denn inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass diese sinnlosen Kameraden keinen würdigen Schutz bieten gegen die Angst vor diversen Fettnäpfen oder auch nur vor dem Auftritt selbst.
Da gibt es erheblich erfolgreichere Alternativen.
Es geht um das Erlernen der Fähigkeit, angstfreier aufzutreten, indem Sie Ihre Angst durch Vorsicht ersetzen können.

In diesem letzten meiner sieben Beiträge zum Thema Abtönungspartikel beschreibe ich Ihnen eine der effektivsten dieser Möglichkeiten:

Die Pause!

In der immer leicht angespannten Situation eines Vortrages oder einer Präsentation wird es Ihnen relativ selten passieren, dass Sie sich gemütlich verplappern. Eher läuft Ihr Gehirn auf Hochtouren, und Sie sind ständig auf der Suche nach eloquenten Formulierungen jener Informationen, die Sie weitergeben wollen. Damit Sie nicht anecken, puffern Sie sich schlimmstenfalls durch den gewohnten trüben Formulierungsbrei an Relativierungen („ein bisschen“, „irgendwie“, „sozusagen“ usw.). Zugegeben, es ist nicht leicht: Schon allein die Suche nach dem Inhalt, also nach dem, was Sie als Nächstes sagen wollen, ist eine immense Herausforderung. Zeitgleich müssen Sie auch noch herausfinden wie Sie das richtig ausdrücken sollen. Und immer ist ein Publikum da, das etwas von Ihnen erwartet.

Diesen Prozess gedanklicher Hochleistung im Dialog hat Heinrich von Kleist in seiner sehr interessanten Schrift „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken bei der Rede“ allerdings explizit sehr positiv, nämlich als eine Art Katalysator beschrieben, der richtige und gute Inhalte und Gedanken überhaupt erst möglich macht. Kleist sieht in seinem Publikum einen „Quell der Begeisterung“ für sich, aus dem seine folgenden Gedanken und Ihre Formulierungen entspringen. Er fühlte sich bei der Rede von seinem Gegenüber also regelrecht wie von einer Droge angeregt.

Die Voraussetzung dafür, dass eine Droge wirkt, ist, dass man sie einnimmt.
Die Voraussetzung dafür, dass Ihr Publikum auf Sie wirkt, ist, dass Sie es wahrnehmen.

Sie werden vielleicht einwenden, dass dies keine Neuigkeit ist. Dass Ihnen das Publikum immer wichtig ist. Aber das sagt sich leicht. Während eines Vortrages, das werden Sie bei genauem Betrachten realisieren, verliert man die wirkliche Verbindung zum Publikum sehr leicht. Man ist oft so sehr mit sich und dem Vortrag beschäftigt, dass der persönliche Kontakt verloren geht.
Das Problem ist: Wenn Sie formulieren, was Sie wissen und was Sie zu sagen haben, wenn Sie vielleicht zusätzlich Ihre Folien präsentieren, dann senden Sie in erster Linie Informationen in eine Richtung. Um aber das Publikum wirklich wahrzunehmen, müssten Sie einen zusätzlichen Kanal öffnen.

Ich sprach bereits im letzten Beitrag vom „parallelen Dialog“ – in dem die Gegenrichtung die entscheidende Rolle spielt: Wer sitzt da vor Ihnen? Was erwarten diese Menschen? Wie haben sie sich gekleidet? Wie werden sie sich fühlen, und was bewegt sie?
„Wie bitte?“, werden Sie jetzt vermutlich erwidern, „zu all den anderen oben aufgezählten Leistungen meines Hirns soll ich jetzt auch noch über das Outfit meiner Zuschauer nachdenken?“
In der Tat – Sie sollten versuchen, sich ein komplexeres Bild von Ihrem Publikum und einzelnen Personen zu machen. Denn je mehr Sie Ihre Zuschauer und Zuhörer zu individuellen Menschen machen, desto mehr erleben Sie von der auf Sie wirkende Energie, von der Kleist spricht. Und vor allem: je mehr Sie die Reaktionen Ihres Publikums aufnehmen, desto weniger werden Sie Zeit und Energie darauf verschwenden, wie es Ihnen selbst geht, welche Probleme und Ängste Sie persönlich gerade haben, und was Sie mit Ihren Händen anfangen sollten.
Sie öffnen einen Kanal zu den Menschen, die Ihnen zuhören, über den Sie direkt und variationsreich kommunizieren können. Sie lenken Ihre ganze Energie von sich auf das Publikum. Und plötzlich werden Sie merken, dass diese Energie verstärkt zurückkommt und Ihnen noch mehr Kraft gibt. Sie werden die Dominanz über Ihren Vortrag erhalten.

Und hier kommt die Pause in’s Spiel.

Es ist eine sehr einfache Übung, die Sie jederzeit innerhalb Ihres Vortrages anwenden können: Unterbrechen Sie an einer interessanten Stelle für einen Augenblick Ihren Redefluss und beobachten Sie Ihr Publikum. Schauen Sie in deren Augen. Registrieren Sie die Reaktionen. Sie haben Angst, dass der Faden abreißt und die Luft raus ist? Das Gegenteil wird passieren: Sie werden merken, dass die Aufmerksamkeit sogar steigt! Natürlich dürfen Sie es nicht übertreiben. Sie werden schon spüren, wann der Faden abzureißen droht. Aber es ist in jedem Fall später, als Sie vorher vermutet haben.

Sie dürfen damit spielen.

Und in dieser entstehenden Pause haben Sie sich jetzt Raum und Zeit geschaffen, Ihre Gedanken klar und eindeutig zu formulieren. Der Druck, einen ständigen und immergleichen Erzählrhythmus einzuhalten, einen nicht abreißenden Redefluss zu produzieren, erweist sich plötzlich als unsinnig. In solchen Pausen haben Sie die Chance, den nächsten Schritt zu planen. Sie werden Ihre Angst verlieren, weil das Publikum kein anonymer Gegenspieler mehr ist, sondern ein Ihnen zunehmend vertrauter Partner. Im Wortsinn vor den Augen Ihres Publikums, die Sie wahrnehmen, werden Sie die richtige Formulierung finden. Ihr Partner schaut Ihnen beim Denken zu, und er wird das gerne tun, weil er Teil daran hat.
Und diesem Partner können Sie überlegt, klar und einfach sagen, was Sie wissen und meinen.

Spätestens jetzt ist jeder Abtönungspartikel nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv.

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